Media



Foto © Robert Stirner

Presseauszug aus der Nürtinger Zeitung vom 22.02.2017

Wo sonst eher klassische Kammermusik dargeboten wird, stand am Sonntagnachmittag ein Folkquartett auf der Bühne, das musikalisch in die Weiten Irlands und Skandinaviens führen sollte. Und weil die zum Teil filigranen Instrumente nicht nur einen Pub oder eine Jurte, sondern den zwar kleinen, aber immerhin doch als Saal firmierenden Saal der Festhalle füllen mussten, sind die Veranstalter sogar über ihren Schatten gesprungen und haben den Einsatz einer kleinen Verstärkeranlage gestattet. So konnten die Besucher der bestens besuchten Veranstaltung die Klänge und das Zusammenspiel so unterschiedlicher Instrumente wie Bodhran (irische Rah- mentrommel), Erhu (chinesische Spiegeige) und keltischer Harfe mit normalen Geigen oder Fiedeln genießen. Damit hat man an einer Spielstätte der ernsten Musik, im Gegensatz zu den Unplugged-Konzerten der Unterhaltungsmusik, auch einmal eingestöpselt – wenn das nicht grenzüberschreitend ist. Und Grenzen überschreitend ist zurzeit vieles: wohl dem, der es so sehen kann wie das irische Sprichwort, dem die Gruppe ihren Namen verdankt – „Fremde sind Freunde, die man noch nicht kennt“. Die drei Musiker und eine Musikerin blieben nicht lange fremd, und man konnte sich freuen über Petra Kruse, die fingerfertig und geschmackvoll die keltische Harfe zupfte, Alex Resch, der im Handumdrehen die irische Rahmentrommel zum Singen brachte, Simon Breuer, der virtuos zu fiedeln verstand und Michael Schwarz, der selbiges komplett auswendig oder besser „by heart“, wie man in England und sicher auch in Irland sagt, zelebrierte. …Was ist jetzt groovende Musik? Während es in der gewohnten klassischen Musik eher auf fortschreitende Entwicklung ankommt und der Kenner diese speziell neben Klangschönheit und vielleicht Virtuosität genießt, hat die afrikanische Musik über ihren Einfluss auf die Pop-Musik deren Anhänger gelehrt, den Augenblick zu genießen, im Jetzt zu baden, weil Rhythmus und Stimmung so schön sind. Und hier schließt sich der Kreis, denn auch die einfache Volks-Tanz-Musik der Iren oder Skandinavier hat den Groove. Wem das Groove-Organ fehlt, der empfindet solcherart Musik als Gedudel – wer es hat, ist bei diesem Konzert auf seine Kosten gekommen. Das Programm bestand abwechselnd aus „Reels“ (gerade 2er-Takte), „Jigs“ (schwingende Sechsachteltakte) und „Polskas“ (schwedische Nicht-Polkas, eher Polka-Mazurkas). Allen Stücken gemeinsam ist die ansteckende Spielfreude der Künstler, die Einfachheit (Struktur) im Komplexen (teils rhythmisch vertrackte Melodievariationen) und die klangliche Schönheit. Trotz geografischer Beschränkung gab es keine Berührungsängste zu südosteuropäischem Sintijazz, amerikanischem Bluegrass oder Blues. Sehr berührend war auch der heisere, sehnende, nach Ferne klingende Ton der chinesischen Erhu im Zusammenspiel mit der Harfe. Ebenso der „Lonesome Jig“ mit synkopierter Fiedelbegleitung, nach der britischen Pop-Rock-Gruppe Coldplay klingende Harmonien oder ein Dauergroove à la U2 und wunderbarer Dynamik. Man konnte die weiten unberührten Landschaften sehen, die Charaktere der Völker spüren und sogar den Regen hören.Nach großem Applaus und Zugaben hieß es dann doch Abschied nehmen von den Musikern, die sicher den meisten Freunde geworden sind: Hier sei noch einmal der schöne Liedtext zitiert, den Michael Schwarz vortrug: „Füllt ein Glas zum Abschied – gute Nacht und Freude für alle.“